Zifferblätter, die wie Kaugummi oder Glace aussehen, aber eigentlich aus Edelsteinen bestehen, dazu Uhren mit einer Stossdämpfung, die selbst einen Crash auf der Rennstrecke überstehen würden. Die Schaffhauser Uhrenmanufakturen Moser und IWC präsentieren an der Messe in Genf ungewöhnliche Neuheiten.Von Tobias Bolli
Roger Federer ist gekommen, Bundesrat Guy Parmelin liess sich herbitten: Die Uhrenmesse Watches & Wonders hat auch dieses Jahr prominente Gäste nach Genf gebracht. Ab Dienstag und noch bis kommenden Montag stellen in der Palexpo-Halle nicht weniger als 60 Uhrenmanufakturen ihre neuen Kreationen vor. Auch wenn die Swatch Group weiterhin abwesend ist, handelt es sich um die bedeutendste Uhrenmesse der Welt. Vor Ort buhlen auch die Schaffhauser Marken H. Moser & Cie. und IWC Schaffhausen um Aufmerksamkeit.
IWC variiert für dieses Jahr die kürzlich überarbeitete Ingenieur. 2023 vorgestellt, verdankt die Uhr ihre Existenz dem Designer Gérald Genta, der von einigen Uhrenfans immer noch beinahe vergöttert wird. Die Ingenieur konnte 2023 zwar nicht mit einem aufregenden Uhrwerk punkten (dieses gibt es bei anderen Marken für einen Bruchteil des Preises), dafür mit ergonomischen Proportionen und einem flachen und anschmiegsamen Gehäuse.
Mehr Nervenkitzel, mehr Emotion
Mit einer neuen Ausführung will IWC Emotionen wecken, die mehr als alle objektiven Vorzüge zum Kauf eines eigentlich überflüssigen Gegenstands animieren dürften. Eine Ingenieur mit grünem Zifferblatt nimmt ihre Inspiration vom bald in die Kinos kommenden Film «F1». Brad Pitt trägt darin als Rennfahrer Sonny Hayes eine ganz ähnliche Uhr. Noch dazu wird IWC als Sponsor eines fiktiven Rennteams im Film erscheinen. Nervenkitzel, Leidenschaft, Höchstleistung: Damit will sich die Marke also verbinden und ihre Uhren mit einer Prise Glamour versehen – wer möchte sich nicht ein bisschen wie Brad Pitt fühlen?
Darüber hinaus ist die Ingenieur nun in verschiedenen Grössen erhältlich. Ein kompakteres Modell mit einem Gehäusedurchmesser von 35 Millimetern dürfte Fans von grazilen Uhren (nicht nur Damen) erfreuen. Wer eine markante Präsenz am Handgelenk wünscht, kann zum neuen Modell in 42 Millimetern greifen. Wohl nicht von ungefähr bietet IWC die Ingenieur auch in schwarzer Keramik an.
Die Schaffhauser Manufaktur ist bekannt dafür, schon früh auf dieses unkonventionelle Material gesetzt zu haben, damals in Zusammenarbeit mit einer Firma aus Thayngen. Keramik ist zwar zerbrechlicher als Stahl, aber äusserst kratzfest. Das dürfte beruhigend auf Kunden wirken, die alles unternehmen, um ihre Uhren vor Tragespuren zu schützen. Für Liebhaber von Komplikationen hat IWC eine Version der Ingenieur mit einem ewigen Kalender ausgestattet. Dieser zeigt stets das richtige Datum an und berücksichtigt automatisch Schaltjahre und ungleiche Monatslängen.
Zeitmesser für die Rennstrecke
Nicht zuletzt erweitert IWC seine Piloten-Kollektion, die sich im Film «F1» ebenfalls an prominenten Handgelenken präsentiert. Auf der Rennstrecke machen diese Uhren etwas mehr Sinn als die eher auf Eleganz getrimmte Ingenieur. Die 41 Millimeter grossen Zeitmesser sind mit einem Chronografen ausgestattet, der auf Wunsch auch die Rundenzeit eines Rennwagens messen könnte. Eine exklusive Ausführung kommt mit einem ewigen Kalender daher und bedient sich des IWC-eigenen Materials Ceratanium. Dieses soll die Vorzüge der kratzfesten Keramik mit der Bruchfestigkeit von Titan verbinden.
Am spannendsten ist aber eine Version mit Tourbillon. Das Tourbillon ist ein 1795 von Abraham Louis Breguet erfundener Mechanismus, der durch eine Rotationsbewegung die Effekte der Schwerkraft ausgleichen soll. Noch dazu ist die Uhr mit einem Federsystem zwischen Uhrwerk und Gehäuse versehen, das Stösse abfangen soll. Laut IWC hat die Uhr in internen Tests Beschleunigungen von 10’000 g-Kräften überstanden. Das ist freilich ein eher theoretischer Wert. Zum Vergleich: Ein F1-Pilot erfährt in schnellen Kurven Kräfte von bis zu 6 g, die also dem sechsfachen seines eigenen Körpergewichts entsprechen. Die Uhr dürfte mit einem Preisschild von 180’000 Franken nur für gut betuchte Liebhaber infrage kommen.
Farbkontraste über alles
Die unabhängige Manufaktur H. Moser & Cie. aus Neuhausen hat den Fokus auf die Gestaltung ihrer Zifferblätter gelegt. Bekannte Uhrenmodelle erhalten einen frischen Anstrich. Wie man von der verspielten Marke erwartet, präsentieren sich diese alles andere als konventionell. Das Einstiegsmodell «Endeavour», eine schlichte Dreizeigeruhr ganz ohne Markenlogo, ist nun in violetter Emaille erhältlich – eine glasartige, grobkörnige Schicht, die elegant zwischen hellen und dunkleren Farbtönen changiert (Kostenpunkt: 27’000 Franken). Ein Modell mit Tourbillon präsentiert sich neu in Türkis.
Noch auffallender – ja geradezu durchgeknallt – ist eine neue Farbpalette mit Pastelltönen. Mit ihrem knalligen Rosa, Orange und Apfelgrün erinnert sie an Retro-Designs der 60er bis 80er, an Glace und an Süssigkeiten. Sie lässt Farben aufeinandertreffen, die man in nüchternem Zustand eher auseinanderhalten würde. Die Uhren amüsieren und wirken trotz ihrer teils schwindelerregenden Preise maximal unseriös. Sie dürften eine junge Kundschaft ansprechen, die keine Angst vor neugierigen (oder leicht irritierten) Blicken hat. Für die ausgefallenen Farben verwendet Moser Steine wie Jade, Opale und Lapislazuli. Der neue Effekt verdankt sich damit altbekannten Materialien und bleibt damit doch irgendwie in der Tradition verankert.